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Bühnenbild und Lichttechnik bei Herbert Grönemeyer

Typisch untypisch

Wir besuchten am 18. Mai das Herbert-Grönemeyer-Konzert in der Stuttgarter Hanns-Martin-Schleyer-Halle. Vor Ort trafen wir Lighting Director Marc Lorenz und Lichtdesigner Gunther Hecker um über das Bühnenbild und die Lichttechnik der aktuellen „Dauernd Jetzt“-Tour zu berichten.

Herbert Grönemeyer in der Hanns-Martin-Schleyer-Halle in Stuttgart

Herbert Grönemeyer gehört seit mittlerweile Jahrzehnten zweifelsohne zu den größten deutschsprachigen Künstlern dieses Landes. Auch wenn ich mit den Hits von Grönemeyer aufgewachsen bin, muss ich zugeben, dass hier in der Stuttgarter Schleyerhalle mein erstes Konzert mit ihm stattfindet.

Eigentlich kaum überraschend aber dennoch achtungsvoll stelle ich fest, dass ich bestimmt 2/3 des Repertoires kenne – was bei einer Show von 2,5 bis 3 Stunden nicht selbstverständlich ist. Aber für mich begann die eigentliche Show ca. drei Stunden zuvor, als ich mich mit Marc Lorenz und Gunther Hecker zum gemütlichen Plausch in der Nachmittagssonne traf.

Gunther Hecker – mit einer gehörigen Portion Understatement – stellte sich schlicht als Lichtoperator vor. Wer ihn und seine Arbeitsweise kennt, weiß, dass da noch mehr sein muss. Schließlich hat er die Bühne zum Licht mitentworfen. Und da Video und LED-Wände auch Licht sind sieht er alles als Einheit – alles aus einem Guss. Mit dieser Meinung steht er selbstverständlich nicht alleine, aber die Art wie er damit umgeht zeigt, dass da mehr dahinter steckt. Später mehr dazu.

 

Bühnenoptik

Lichtdesigner und Operator Gunther Hecker am Lichtpult
Lichtdesigner und Operator Gunther Hecker am Lichtpult

Bevor ich Gunther traf, zeigte mir Marc Lorenz die unbeleuchtete Bühne, was bei mir schon ein erstes Erstaunen auslöste. Eine Produktion wie die von Grönemeyer verbindet man schnell mit Superlativen – auch was es das „trockene“ Bühnenbild angeht. Und nun stehe ich vor einem im ersten Moment übersichtlichen schwarzen Körper der fast schon zu normal und unpompös nach einfachem Rock ´n Roll aussieht. Erst wenn man näher dran ist und sich die Details anschaut, schleicht sich das Gefühl ein, da wird gleich was passieren – und zwar im positivsten Sinne. Auch an dieser Stelle bitte ich nochmals um etwas Geduld und komme zu einem späteren Zeitpunkt darauf zurück.

Wieder draußen bei Gunther und Marc also sprechen wir über das Schaffen von Gunther und der aktuellen „Dauernd jetzt“-Tournee von Grönemeyer. Bevor Gunther Hecker überhaupt an Equipment denkt, ist für ihn in erster Linie das angestrebte Bühnenbild ausschlaggebend; die Form ist für ihn entscheidend. „Erst wenn mir klar ist, wie das Bühnenbild aussieht und sich verändern kann und was es hergibt, mache ich mir Gedanken welche Lampen ich nehme“, so Hecker.

„Ich mache mir ja im Vorfeld Gedanken wie ich welches Stück beleuchten werde und wie es aussehen soll. Danach suche ich dann das Material aus, was ich benötige. Egal ob es jetzt die Washlights von JB-Lighting sind (Anmerkung der Redaktion: die neuen Sparx10) oder die Pointe von ROBE. Da habe ich ganz gewisse Bilder im Kopf und die muss ich mit dem Material umsetzen können.“ erklärt Gunther.

 

Raum für Neues

Insgesamt 68 Sparx10 von JB-Lighting kamen zum Einsatz
Insgesamt 68 Sparx10 von JB-Lighting kamen zum Einsatz

Auch wenn der erwähnte Sparx10 von JB-Lighting neu ist, fand er schon auf der letzten Fanta4-Tour seinen Einsatz. Interessanterweise interessiert sich Gunther Hecker weniger für die Effektmöglichkeiten des neuen Washlights sondern er schätzt vielmehr die Helligkeit und den Zoombereich der Lampe. Selbst auf 12 Meter Höhe – wie hier in der Schleyerhalle – kann das Moving Light mit einer 1.500-Watt-Lampe mithalten. Außerdem zeigt er sich begeistert, dass der Sparx10 einen extremen Tilt-Bereich hat und deshalb sein eigenes Basement beleuchten kann.

Der Sparx10 kam über leichte Umwege in die Show. Angefangen hat alles mit dem JBLED A7 aus dem Hause JB-Lighting. Dieser hat den selben Kopf und Bewegungsbereich wie der Sparx7. Mehrere A7 setzte Gunther bei der letzten Fanta4-Tour ein und benötigte noch einen lichtstärkeren Scheinwerfer ähnlicher Bauart für den Catwalk. Praktischerweise hatte Mark Lorenz kurz zuvor am Lib-File des Sparx10 für die Hog-Serie mitgearbeitet und dachte, dass das der perfekte Scheinwerfer für Gunthers Lichtset sein könnte. Es hat wohl sehr gut gepasst, da Gunther den Sparx10 anschließend für Grönemeyer spezifiziert hat.

 

Flexibel während der Tour

Gleich zu Beginn der Tour stellte sich heraus, dass die Bühne verändert werden musste. Ein Teil des Bühnenauslegers wurde entfernt, was – wie man sich denken kann – umfangreiche Arbeiten an der Bühne aber auch der Lichtinstallation selbst mit sich brachte. Aber auch hier zeigt sich Hecker entspannt: „Es geht erst einmal darum, was die optimale Form ist. Wenn ich jetzt aus irgendwelchen Gründen etwas abändern muss, dann geht es darum so abzuändern, dass der Charakter noch erhalten bleibt.“

Variables Lichtdesign dank der verfahrbaren Pods
Variables Lichtdesign dank der verfahrbaren Pods

Schließlich verlangt die Tour wegen der verschiedenen Venues auch verschiedene Setups. Neben den Konzerten in der Halle stehen auch Open-Air-Veranstaltungen auf dem Tourplan. Er empfindet jedoch das Hallen-Setup als optimal im direkten Vergleich zu den Outdoor-Veranstaltungen.

Auch wenn es bei den Open Airs um eine reduzierte Form geht, die Grundidee bleibt immer erhalten. Von den Pods (die verfahrbaren Rigs am Bühnendach) gibt es bei Open-Air-Veranstaltungen nur drei und nicht sechs wie hier in der Halle. Denn manche Bühnen können die Dachlasten nicht so einhalten.

„Wir haben ja die ganze Decke voll mit den LED-Pods und ich leuchte eigentlich die ganze Zeit durch diese Quadrate durch. Das ist nicht die klassische Beam-Show die ich hier mache sondern ich leuchte durch die LED durch. So was finde ich dann spannend.“ erklärt Gunther und fügt hinzu, dass sie mehr oder weniger freie Hand haben, was es die Gestaltung angeht.

Bei dieser Bühne ist die gesamte LED-Fläche eher als Lampe zu verstehen und nicht wie üblicherweise eine darstellende Wand. Gunther stellt sich dann verschiedene Fragen, wie zum Beispiel: „Wie schaffe ich Ebenen? Wie bekomme ich Licht dahinter? Wie kann ich es durchleuchten? Das sind die Merkmale die mein Licht auszeichnen.“

„Wenn man schon mal eine Show von mir gesehen hat, wird man hier feststellen, dass es sich um eine untypische Show für mich handelt. Von der Formsprache hingegen ist es wieder typisch. Du wirst es später sehen. Egal ob draußen oder drinnen, wir halten die Architektur.“ so Gunther.

 

Über Wirkung und Ursache

Ihm geht es bei der Umsetzung mehr um die Lichtwirkung als um die Effekte. Laut Hecker braucht es Erfahrung. Ein Beispiel: „Da musst du wissen, was die Lampen heutzutage können? Oder wie viel Helligkeit kommt durch eine LED-Wand durch? Dann kann man im Vorfeld schon einigermaßen präzise sagen wie das aussehen wird. Natürlich sitzen wir auch vor einem Simulator und programmieren die Show. Aber das zeigt dir ja nie die Lichtwirkung.“

„Es gab bisher eine Veranstaltung: das war für die Fußballweltmeisterschaft 2006 als ich in Frankfurt die Sky-Arena beleuchtet habe, also als die Innenstadt zur riesigen Bühne wurde. Das war die einzige Veranstaltung bisher, bei der ich keine Ahnung hatte, wie die Wirkung sein wird. Wir haben damals mit 110 Skytrackern die Hochhäuser angeleuchtet; und da jede Bank andere Scheiben hatte –manche waren schwarz, manche verspiegelt – konnte ich wirklich nicht sagen, die Deutsche Bank wird so aussehen und die Commerzbank wird so aussehen; das musste man einfach ausprobieren.“ Im Video ist die Arbeit von 2006 nochmals zu bewundern.

 

Bühne im Maßanzug

Gunther Hecker hat die Show auf die Person Herbert Grönemeyer zugeschnitten. Hier geht es demnach nicht um eine Platte, einen Song oder um einzelne Texte. „Ich dachte eher an seinen Charakter und habe danach die Bühne gestaltet.“

Jedoch gibt es eine Ausnahme: In einem der Songs über das digitale Zeitalter laufen über die gesamte LED-Fläche Zahlen, hier wird die Aussage somit visuell unterstrichen. Aber auch das Gegenteil ist der Fall. Beim Song „Roter Mond“ geht es um die aktuelle Flüchtlingsproblematik auf dem Mittelmeer. Hier schwimmt auf der Videowand ein Elefant in Zeitlupe durch das Wasser. Diese Interpretation lässt Spielraum für die eigenen Gedanken zu dem Thema.

 

Tradition verpflichtet

Was es Gunthers Arbeitsweise angeht, merkt man ihm seine Theatervergangenheit an. Moving Lights zum Beispiel setzt er eher wie PAR-Scheinwerfer ein. Auch drückt er Shows gerne von Hand. Er hat zwar programmierte Elemente im Repertoire setzt diese aber äußerst dezent ein. Für ihn ergibt das eine ganz andere Dynamik als komplett durchprogrammierte Go-Go-Go-Shows. Auch Gobos setzt er in der Regel nicht ein. Auch ein eher traditioneller Ansatz sind die manuell gesteuerten Follower auf dem Bühnendach, die den Hauptakteur immer ins richtige Licht rücken.

Lighting Director Marc Lorenz
Lighting Director Marc Lorenz

Marc Lorenz erinnert sich: „Wir kennen uns jetzt seit 1995; seit dieser Zeit hast du einmal einen Gobo in einer Show eingesetzt. Und selbst da war es nicht zu erkennen, dass es ein Gobo war. Das war bei den Söhnen Mannheims die Projektion auf der Rückwand. Halt stimmt nicht: Einmal noch – ebenfalls bei den Söhnen Mannheims, als du die Spiegelkugel von hinten beleuchtet hast, hast du ebenfalls ein Gobo eingesetzt. Ansonsten ist es schon ein stilistisches Merkmal, dass es bei Gunther keine Gobos gibt und dass es auch eher wenig programmierte Chases gibt. Es geht ihm eher um eine klassische Arbeitsweise – mehr Rock ´n´Roll.“

Selbst bei den Videoeinspielungen sind viele Elemente so geplant, dass die LED-Flächen als Lampen genutzt werden. Hier geht es demnach nicht um eine einzelne Videowand auf der nur ein Film abläuft sondern es werden auch Fades und Flashes eingesetzt. Da Video und Licht eine Einheit bilden, ist es für Marc unerlässlich eigenes Material zu kreieren. „Du wirst es auch beim Content sehen: Wir nutzen sehr viele Live-Bilder, die trotzdem nicht andauernd nur den Künstler im Großformat zeigen. Es gibt kein Live-Bild, das unverfremdet gezeigt wird. Alle Bilder laufen durch den Medienserver von Catalyst und werden zum Beispiel in der Farbe verändert. Damit erreichen wir, vom klassischen Bühnenbild mit großer LED-Wand wegzukommen. Es ist eher eine Lichtfläche. Somit ist das Live-Bild eher als Live-Content-Kreation zu sehen. Natürlich müssen wir abwägen, da auch die hinteren Reihen Herbert Grönemeyer sehen wollen. Wir sehen das hauptsächlich als atmosphärische Arbeitsfläche und als gestalterisches Element.“

Abschließend erklärt Gunther: „Für mich ist das Entscheidende, dass es nicht wie eine kopierte Show aussieht. Also in der Art: ich habe jetzt die besten Effekte die ich bei Robbie Williams gesehen habe und bei was weiß ich wem vereint. Und daraus mache ich jetzt was. Sondern es ist eine eigene Bühne mit einem eigenständigen Look und ist bei manchen Bildern gewagt nah am Kitsch dran. Aber gerade noch so in der Spur, dass man sagen kann: Ok, ist alles gut.“

Und ich muss gestehen: Ich habe schon sehr viele Shows erleben dürfen und habe sehr viele außergewöhnliche und großartige Bühnenbilder von unterschiedlichen Stage- und Lichtdesignern gesehen. Aber hier war es etwas anderes. Neben den vielen großartigen Elementen der gesamten Show zeigte sich das Design von Gunther extrem variabel und facettenreich. In mehreren Ebenen wurde die Bühne in immer andere, neue Gebilde mit vielen Ebenen und Schichten verwandelt ohne dass der rote Faden abzureisen drohte. So dynamisch Herbert Grönemeyer seine Show gestaltete, so vielseitig zeigte sich die Arbeit um das Team von Gunther Hecker und Marc Lorenz.

 

Liste für Licht- und Video-Equipment

Licht:

  • 68 x JB-Lighting Sparx10
  • 50 x PRG Bad Boy
  • 96 x ROBE Pointe
  • 9 x 6-Bars CP62
  • 24 x 4-Lite DWE
  • 18 x 8-Lite DWE
  • 4 x Robert Juliat Manon Truss-Follow
  • 4 x Robert Juliat Lancelot FoH-Follow
  • 1 x HOG4 plus Playbackwing inkl. Backup

 

C1-System

  • Movecat

 

Video

  • Pods: 12mm ROE MC12
  • Side & Backwall: 7mm ROE MC7
  • 2 x Catalyst V5
  • 1 x HOG4 plus Playbackwing inkl. Backup
  • PRG-Nocturne Chromium Pack (Gras Valley basierendes Videoregie-System)

 

Licht- & Videotechnik-Team

  • Licht-Design & Operator: Gunther Hecker
  • Lighting Director, Medienserver, Netzwerk: Marc Lorenz
  • Operator Medienserver: André Bress
  • Bildmischer: Simon Cimander

 

Letzte Änderung am Montag, 08 Juni 2015 09:04
Markus Beug-Rapp

Chefredakteur On Axis

Vom Berufsmusiker, Tontech und Stimmtrainer zum Schreiberling. Seit 2004 als Musik- und Veranstaltungsjournalist aktiv.

Webseite: www.onaxis.de

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